Sechs Stolpersteine für Ahnatal-Weimar

Veröffentlicht am 07.09.2026 in Service

Am 7. September 2026 wurden in Ahnatal-Weimar sechs Stolpersteine verlegt. Vier erinnern an die Familie Alexander in der Wilhelmsthaler Straße 2, damals Schulstraße 25, zwei an die Familie Loewenstein vor dem Haus Ecke 6, damals Haus 28 einhalb, schräg gegenüber.

Beide Familien wurden aus Weimar vertrieben, und beide Fluchtwege beginnen an denselben zwei Tagen. Am 25. und 26. März 1933 nahmen SA-Männer im Landkreis Hofgeismar etwa 240 Menschen fest, darunter jüdische Gemeindemitglieder ebenso wie politische Gegnerinnen und Gegner der NSDAP. Sie wurden nach Hofgeismar gebracht und dort misshandelt.

Wilhelmsthaler Straße 2

Hugo Alexander, Jahrgang 1889, war Kaufmann und erwarb 1928 das Haus in der Schulstraße 25. 1933 wurde er in der SA-Kaserne Hofgeismar gefoltert. Er floh in die Niederlande, wurde in Westerbork interniert, nach Theresienstadt deportiert und am 28. September 1944 nach Auschwitz gebracht, wo er innerhalb weniger Tage ermordet wurde.

Seine Frau Viola Alexander, geborene Loewenstein, genannt Ola, Jahrgang 1900, stammte aus Meimbressen. Von Theresienstadt wurde sie in das Konzentrationslager Bergen-Belsen verbracht und starb dort im Winter 1944/45.

Der Sohn Helmuth Alexander, Jahrgang 1923, war künstlerisch begabt, er zeichnete und malte. Von Auschwitz wurde er nach Dachau deportiert. Dort erlebte er die Befreiung durch amerikanische Truppen und starb wenige Tage später, am 4. Mai 1945.

Die Tochter Herta Blanka Alexander, Jahrgang 1920, war bis zur Befreiung in Theresienstadt inhaftiert. Sie ging über die Niederlande in die USA und heiratete 1947 Aribet Jacobi, den sie in Westerbork kennengelernt hatte. Sie lebte später in Kalifornien und starb dort 2002.

Ecke 6

Bernhard Loewenstein, Jahrgang 1908, stammte aus Meimbressen und war promovierter Philologe. Im März 1933 wurde er von der SA schwer misshandelt. Er floh in die Niederlande, 1936 weiter nach Südafrika und später nach Sambia, arbeitete als Journalist und Chefredakteur und kehrte 1972 nach Deutschland zurück. Er starb 1989.

Irmgard Loewenstein, geborene Wildau, Jahrgang 1911, war Schneiderin. Sie heiratete Bernhard 1932 und floh mit ihm. Im Exil arbeitete sie als Näherin und als Köchin. Sie starb ebenfalls 1989.

Was bleibt

Ein Stolperstein steht nicht nur für ein ausgelöschtes Leben. Er steht auch für ein zerstörtes Leben, das an einem anderen Ort weiterging, für Häuser, die leer blieben, und für Nachbarschaften, die danach nicht mehr dieselben waren.

Bei der Verlegung war Peter Loewenstein anwesend, Jahrgang 1947, der Sohn von Irmgard und Bernhard, zusammen mit Freunden der Familie. Er hielt die Gedenkrede. Ein Grußwort sprach Bürgermeister Stephan Hänes. Dass sich diese Lebenswege heute überhaupt wieder erzählen lassen, ist das Ergebnis langer Recherchen von Peter Loewenstein und Klaus Brocke. Die beiden haben die Überlieferung der Familie mit dem zusammengeführt, was sich sonst noch belegen ließ, und so die zwei Familiengeschichten Stück für Stück rekonstruiert. Unser Dank gilt ihnen, der Initiative Stolpersteine Kassel e. V. und allen weiteren Personen und Vereinen, die diesen Tag mitgestaltet haben.

Zuversichtlich stimmt uns, wie viele Ahnatalerinnen und Ahnataler gekommen sind. Beim Vortrag in der Kirche waren die Reihen bis nach hinten besetzt. Aus unserem Ortsverein waren viele Mitglieder unter den Gästen. Für etliche von ihnen ist die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus einer der Gründe, warum sie sich politisch engagieren.

Im Zeichen von Freiheit, sozialer Gerechtigkeit und Menschlichkeit haben wir heute die Stolpersteine verlegt. Das Böse kann nur siegen, wenn das Gute schweigt.

Aus der Gedenkrede von Peter Loewenstein